Die letzte Etappe

Entschuldigt die Verzögerung, liebe LeserInnen. Auch wenn ich nun schon seit über einem halben Jahr zuhause bin, möchte ich meine Geschichte doch fertig erzählen. Viel ist passiert in diesen letzten Wochen der Reise.Ich hoffe es langweilt nicht.

Nach Lisi’s Rückflug freute ich mich nun auf die letzten paar Hundert Kilometer nach Süden bis ans Ziel meiner Reise: Kuala Lumpur. Ich freute mich darauf, nochmal zwei, drei Wochen alleine unterwegs sein. Nur die Zwetschke, die Straße und ich um zu genießen und reflektieren. Dieser letzte Blogpost soll davon erzählen warum ich schlussendlich gar nicht so viel allein war und warum das trotzdem sehr schön war. Und: there will be blood! (Buuhh, so ein billiger Clickbait!)

In nur drei Stunden schaffte ich es mich aus dem Bangkoker Vormittagsverkehr raus auf’s Land zu wuseln. Gegen Abend hatte ich bereits einen schönen, weiten und vor allem quasi menschenleeren Strandabschnitt im Khao Sam Roi Yot Nationalpark für mich und mein Zelt ausgewählt und wollte nur noch in dem kleinen Ort am Strand ein bisschen Proviant und Wasser für die Nacht kaufen. Aber hey – was steht denn da am Straßenrand? Zwei Overlander-Motorräder aus Berlin! Was für ein Zufall! Ich blieb natürlich gleich stehen und lernte die beiden Motorradreisenden Jannik und Darius kennen. Wir sind überrascht hier in diesem winzigen Ort abseits aller Hauptstraßen andere Overlander zu treffen. Die beiden erzählen, dass sie bereits letzte Nacht in der etwas improvisiert wirkenden Beachbar geschlafen haben und ich entschied, doch noch nicht mein Zelt aufzubauen und mal abzuwarten, was der Abend noch so bringen mag. Wenn ich in all der Zeit unterwegs etwas gelernt habe, dann dass man immer irgendwo schlafen kann. Notfalls kann ich ja immer noch mein Zelt oder die Hängematte aufbauen.

Im Khao Sam Roi Yot Nationalpark

Im Khao Sam Roi Yot Nationalpark

Die Bikes von Jannik und Darius

Die Bikes von Jannik und Darius

Die Beachbar und Rocco’s Rottweiler

Den Abend verbrachten wir in der besagten Beachbar, die von einem Deutschen namens Rocco und seiner thailändischen Frau (deren Namen ich vergessen habe) betrieben wird und hauptsächlich von Roccos ebenfalls aus Deutschland stammenden Freunden sowie ein paar zufällig vorbeigelaufenen Touris besteht. Die Nacht uferte zunehmend aus, was auch an den von Klaus großzügig ausgegebenen (und auch mehrheitlich getrunkenen) Sangsom-Runden lag. Weitere Details dazu erspare ich euch hier, weil betrunkene Geschichten ja doch nur betrunken lustig sind. Als die Beachbar geschlossen wurde bot uns Rocco an, dass wir doch bei ihm im Haus ums Eck übernachten könnten – eine Einladung, die Darius und ich gerne annahmen (Jannik schlief direkt in der Bar, weil er dort sein Handy verloren hatte oder so…). Rocco warnte uns aber bereits vor seinen Rottweilern, aber wenn wir mit ihm kommen dann sind sie eh gaaaanz brav. Na gut, schau ma mal…

Am nächsten Morgen bzw Mittag plantschten Darius und ich im Pool um das hinterlistige Kopfweh zu vertreiben während die beiden riesigen Rottweiler um das Pool spazierten, mit uns spielten und sich streicheln ließen. Alles easy, könnte man meinen. Aber wie aus dem nichts entbrannte zwischen den beiden Hunden ein Streit, der in einem handfesten Kampf mündete. Darius und ich standen wie gelähmt im Pool, als diese beiden Viecher sich direkt vor uns beinahe zerfleischten. Ich übertreibe nicht, so einen Kampf zwischen zwei Hunden haben ich noch nie gesehen – schon gar nicht zwei Meter entfernt, hungover und halb nackt in einem Pool in einem fremden Haus.

Endlich kam Rocco aus dem Haus und versuchte die ineinander verbissenen und blutenden Streitparteien zuerst mit Rufen, dann mit geworfenen Gegenständen und schließlich mit Schlägen und Tritten auseinander zu bringen. Als Rocco versuchte einem der beiden die Leine anzulegen, biss der Hund zu – so schnell dass man es kaum sehen konnte. Ich stand wie gelähmt daneben und als ich Blut aus einer Wunde direkt über dem Handgelenk sah sag dachte nur: scheiße, scheiße, scheiße!!

Ich weiß nicht mehr wie, aber schlussendlich schaffte Rocco es mit einer Hand beide Hunde anzuketten. Darius und ich redeten auf Rocco ein, er solle doch ins Krankenhaus fahren aber er weigerte sich zuerst vehement. Schlussendlich konnten wir ihn doch überzeugen, aber er ließ es sich – trotz Protest von Darius und mir – nicht nehmen seinen dicken BMW die 30km ins Krankenhaus nach Hua Hin selbst zu lenken.

Darius und ich begleiteten Rocco und seine Frau ins Krankenhaus und verbrachten so den ganzen Nachmittag wartend in Hua Hin. Jannik konnten wir nur ganz kurz schildern was passiert ist, er blieb einstweilen am Strand und hütete unsere Sachen, die wir in der Beachbar deponiert hatten. Im Endeffekt hatte Rocco richtig Glück, seine Hauptschlagader wurde nur um ein paar Millimeter verfehlt.
Zurück bei der Strandbar erzählten wir erstmal Jannik die ganze Geschichte – der Gute glaubte die ganze Zeit über, dass ich gebissen worden wäre. Die folgende Nacht verbrachten wir wieder am Strand/in der Beachbar, ich ging aber eher früher (und deutlich nüchterner) in meine Hängematte am Strand schlafen. Unpackbar, was in den letzten 30 Stunden alles passiert ist, seit ich hier am Strand ankam….

Wie gesagt wollte ich eigentlich noch ein paar Tage für mich haben bevor der Rückreise- und Logistik-Wahnsinn in Kuala Lumpur beginnt. Aber wir drei (Jannik, Darius und ich) verstanden uns sehr gut, und so wurde aus dem „Naja, fahren wir halt mal gemeinsam los, wir fahren ja eh in die gleiche Richtung“ bald ein „Wollen wir am Weg noch gemeinsam was frühstücken?“ und dann ein „Wo campen wir denn heute Nacht?“.
Letztendlich waren wir noch zwei Tage gemeinsam on the Road. Wir cruisten durch landschaftliche Highlights und schliefen die erste Nacht im Dschungel und die zweite direkt am Strand, Lagerfeuer inklusive. Vor Phuket (das ich lieber mied) war es dann aber wirklich Zeit, Abschied zu nehmen. Danke für die tolle Zeit, Jannik und Darius!

Darius chillt.

Darius chillt.

Kaum war ich wieder allein unterwegs, wurde ich bei einem Straßenkartencheck-Halt schon von einem Thailänder angesprochen und spontan zum leckeren Essen am Straßenrand eingeladen. Der Süden Thailands ist stark muslimisch geprägt und spontane Essenseinladungen gehören anscheinend auch hier einfach zur Kultur. :) Der Herr machte mich dann aber schon etwas neidisch als er mir erzählte, dass er gerade seine BMW 800GS verkauft hat weil er sich die neue Honda Africa Twin bestellt hat. Naja, ich würd die Zwetschke eh nicht eintauschen wollen ;)

Ich schaute noch ein paar Tage in Krabi und anderen Orten im Süden vorbei, aber irgendwie war mir die Gegend dann doch zu touristisch. Deshalb legte ich einen letzten längeren Aufenthalt auf der Insel Ko Lanta ein, von wo es genau nichts Interessantes zu erzählen gibt. Gutes Essen, Camping am Strand, viel Tagebuchschreiben und dem süßen Nichtstun fröhnen.

Malaysia!

Ein paar Tage später reiste ich in das letzte Land der Reise ein: Malaysia! Auch wenn dieses Land gar nicht mehr am ursprünglichen Plan stand (was bedeuten schon Pläne?), freute ich mich sehr auf Malaysia als Draufgabe. Desert quasi. Der Grenzübergang auf der malaysischen Seite war denkbar einfach: hinfahren, Pass herzeigen, Stempel rein, Motorrad parken, Büro des Zollamts suchen, Büro des Zollamts nicht finden, von einem Grenzbeamten zum Büro des Zollamts hingeführt werden, dem freundlichen Zollbeamten beim Stempel aussuchen und Formulare ausfüllen helfen, mit Händeschütteln und Glückwünschen verabschiedet werden, nach Malaysia einreisen. Welcome to Malaysia! Das 14. Land auf meiner Reise.

Malaysia!

Malaysia!

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Polizei!

Erster Halt sollte die Stadt Georgetown auf der Halbinsel Penang im Norden Malaysias werden. Am Stadtrand hatte ich leider eine unangenehme Erfahrung mit zwei Motorradpolizisten. Ich hatte die ca 300m lange Motorradspur (ja, in Malaysia gibt es Motorradspuren! Genauso wie eigene Mini-Abzweigungen auf den größeren Straßen unter Brücken, damit man bei Regen in Sicherheitsabstand zu den Autos kurz unter der Brücke stehen bleiben kann!) verpasst und wurde daraufhin prompt aufgehalten. Die beiden wollten mir für dieses „Vergehen“ 300 Ringgit (ca 70 Euro) abknöpfen, anscheinend ist es Pflicht Motorradspuren zu nutzen. Nach einiger Diskussion handelte ich sie auf 150 Ringgit herunter, bis mir endlich auffiel dass da irgendwas nicht ganz koscher ist. Ich dachte mir: „dafür bist du nicht um die halbe Welt gefahren, dass du dich von zwei dahergelaufenen Motorradpolizisten einfach so abzocken lässt.“

Also bestand ich darauf, dass wir doch gemeinsam auf die Polizeistation fahren denn sie hatten mir zuvor gesagt, nur dort könne ich auch einen Beleg bekommen aber das sei halt alles viiieeel aufwändiger und sicher teurer. Blablabla! Als ich auch noch begann die Dienstnummern zu notieren kam plötzlich Bewegung in die Situation. Der eine Polizist sagte noch, die Strafe müsse ich nicht bezahlen wenn ich doch zumindest seinem Kollegen 50 Ringgit gebe, was ich nur mit einem Lachen und eine „No way, Sir!“ quittierte. (In Malaysia wird Bestechung sehr streng geahndet!) Endlich gaben sie mir meinen Pass wieder und ließen mich weiterfahren. Puh, nochmal gut davongekommen! Ein paar Meter weiter musste ich nochmal anhalten um kurz zu Verdauen, was da gerade passiert ist. Ich war schockiert mit welcher Frechheit die Beiden versucht haben mir Geld aus der Tasche zu ziehen. Gleichzeitig war ich aber auch ein bisschen stolz, mich erfolgreich dagegen gewehrt zu haben.

Penang

Ich verbrachte ein paar Tage in Penang mit Heimreise-Organisation, Sightseeing, gut Essen und Sightseeing. Georgetown ist eine nette Stadt mit UNESCO-Weltkulturerbe-Stadtkern mit Kolonial-Flair und außergewöhnlich viel Straßenkunst. An jeder Ecke gibt es kleine bis hauswandgroße Gemälde und Skulpturen zu entdecken. Die Stadt zieht daher auch viele Künstler und Touristen an, was man schnell anhand der vielen hippen Cafés, Bars und Hostels erkennt. Jannik und Darius, die beiden deutschen Motorradfahrer, kamen für einen Abend vorbei und gemeinsam verknüpften wir ein bisschen Sightseeing mit der Suche nach gutem Bier – Beerseeking sozusagen.

Chinesischer Tempel in Penang

Chinesischer Tempel in Penang

Street Art an jeder Ecke und Mauer

Street Art an jeder Ecke und Mauer

Diese Foto hab ich zufällig im Photography Museum in George Town entdeckt: Elsbeth Beard, die erste britische Frau die auf einem Motorrad die Welt umrundete (1982).

Diese Foto hab ich zufällig im Photography Museum in George Town entdeckt: Elsbeth Beard, die erste britische Frau die auf einem Motorrad die Welt umrundete (1982).

Cameron Highlands

Nach drei Tagen im Little India Hostel in Georgetown, das sowohl gute als auch weniger gute Erinnerungen an Indien weckte, düste ich ins Landesinnere in die Cameron Highlands – eines der touristischen Fixpunkte in Malaysia. Kein Wunder, dass dort alles so grün ist: ich kam komplett durchnässt vom Starkregen an ;)
Die Cameron Highlands sind sowas wie die Gemüseabteilung Malaysias. Im kühleren, feuchten Klima werden alle möglichen Gemüsesorten in riesigen Glashäusern angebaut. Die Hügel dazwischen sind von tiefgrünen Teeplantagen und Wald überzogen, die Glashäuser und schirchen Hotelkomplexe ließen aber leider nicht wirklich ein „Mei is des schee do“-Gefühl aufkommen. Ich blieb trotzdem ein paar Tage, denn in den Cameron Highlands lässt es sich ganz gut durch dichte dschungelartige Wälder wandern. Außerdem lernte ich im Hostel ein paar nette Leute kennen, allen voran Thiemo aus Bayern und Lara und Fabian aus Deutschland, die ich später in Kuala Lumpur wieder treffen sollte.

Teeplantagen in den Cameron Highlands

Teeplantagen in den Cameron Highlands

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Tee-Bauern bei der Erntepause

Tee-Bauern bei der Erntepause

Die letzten Kilometer

Ich genoß es, für die letzten Kilometer nach Kuala Lumpur noch richtig viel Zeit zu haben. Umwege durch riesige Palmenplantagen, zur Kolonial-Feriensiedlung Fraser Hill und entlang kleiner Straßen näherte ich mich meinem Ziel Kuala Lumpur. Eine letzte Nacht verbrachte ich noch im Zelt an einem schönen, aber leider verschmutzten Flusszusammenfluss. Dort traf ich auch Shah auf seiner BMW 1200GS, der in ein paar Jahren auch eine Weltreise mit seinem Motorrad vorhat und mir ein Zeiterl Gesellschaft beim Zeltaufbauen leistete. Ich saß noch lange allein in der Nacht draußen vor meinem Zelt: die beiden Bäche rauschten laut, die Sterne leuchteten hell über mir und aus dem Gebüsch blickten mich immer wieder gelbe Augen an wenn ich mit der Taschenlampe hineinleuchtete. Was für eine würdige letzte Nacht in der Natur!

Schier unendliche Palmenhaine

Schier unendliche Palmenhaine

100km noch!!

100km noch!!

Mein letztes Camp.

Mein letztes Camp.

In den Genting Highlands (die zwar schön klingen, in Wirklichkeit aber nur aus einem riesigen Hotel- und Vergnügungskomplex bestehen) sah ich zum ersten Mal Kuala Lumpur durch den Dunst in der Ferne. Und dann: die Petronas Towers inmitten dieser riesigen Stadt! Mein Ziel liegt da unten, dort ist die Reise zu Ende! Gänsehaut!

Auf den letzten paar Kilometern nach KL werde ich vom freundlichen Razeef auf seiner Ducati Scrambler begleitet, nachdem er mich beim Starbucks (Rechtfertigung: ich brauchte dringend Internet für die Wegbeschreibung zum Hostel!) angesprochen hat. In KL angekommen lud er mich noch auf ein authentisches malay Mittagessen ein: Sateh! Mhhhhh! Ach, ich mag gratis Mittagessen mit netten Menschen!

Nach dem obligatorischen Fotostop vor den Petronas Towers wuselte ich mich langsam zu meiner Unterkunft. Parkplatz gefunden, Zündung aus, Augen zu, durchatmen. Angekommen.

Twin Power vor Twin Tower

Twin Power vor Twin Tower

Petronas Towers

Petronas Towers

der Hindutempel Sri Mahamariamman in Kuala Lumpur, den ich mit Lara und Fabian besuchte...

der Hindutempel Sri Mahamariamman in Kuala Lumpur, den ich mit Lara und Fabian besuchte…

...liegt in einer Höhle...

…liegt in einer Höhle…

...und ist ziemlich beeindruckend.

…und ist ziemlich beeindruckend.

Mit Lara und Fabian

Mit Lara und Fabian

 

Und hier noch ein paar Fotos von den Leuten, die mich in den letzten Tagen begleitet haben:

3 thoughts on “Die letzte Etappe

  1. Sehr cool Martin, danke für deine zahlreichen Posts !! Sooo eine super Reise die du da erleben durftest aber für mich und uns wäre das ganze wahrscheinlich nichts.
    Und jetzt wünschen wir euch beiden einen schönen gemeinsamen Urlaub !! Lg Katja und Markus

  2. Hej, hej,
    da freuts mich gerade gar nicht arbeiten und ich klicke ein bissl am PC herum und was finde ich da… einen weiteren Eintrag. Sehr cool!
    Danke Martin für das Teilen deiner Geschichten, Eindrücke, Fotos und Emotionen! War cool zum Mitlesen.

  3. Lieber Martin!
    Nun hab ich endlich deinen letzten post gelesen. Es ist immer noch aufregend, was du alles erlebt hast…. Sehr spannend zu lesen, die wunderschönen Fotos und was dir alles widerfahren ist. Du solltest ein Buch draus machen. Freue mich für dich, dass du so viele tolle Erlebnisse hattest. Viele Erfahrungen kannst du bestimmt in deinem ganzen Leben wieder abrufen. Ich wünsche dir weiterhin so viel Glück, so viele gute Intuitionen und viel, viel Freude!!

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