Der wilde Nordosten Indiens

In dieser Episode geht es durch die konfliktgeladene Tiefebene Nepals, in die von Teeplantagen überzogenen Berge Darjeelings und durch den wilden Nordosten Indiens. Schalten Sie ein, wenn es wieder heißt: One Man. On a Mission. On a Mission to ride his Zwetschke. To ride his Zwetschke across Asia. Asia. Sia. Ia. (imagine Hall-Effekt)

Nach der langen Fahrpause in Kathmandu konnte ich’s kaum erwarten endlich wieder auf die Zwetschke zu steigen. Vor allem: aufgrund des neuen Lenklagers fuhr sich die Gute so geschmeidig durch den Kathmanduer Morgenverkehr dass selbst das eine Freude war. Von Kenny hatte ich noch Koordinaten von Militärtankstellen bekommen, bei der zweiten war ich tatsächlich erfolgreich und durfte – nach ein bisschen Verhandlung – 10 Liter Benzin zum Normalpreis tanken. Dadurch sparte ich 40 Euro (!!), weil ich sonst den Benzin ja am Schwarzmarkt einkaufen müsste.   

Auf der vollgetankten, geschmeidigen Zwetschke (wie das klingt…) cruiste ich über den wunderschönen, kurvenreichen BP Highway wieder richtung Süden bis zum Genie.

Bei Genius

Über zwei Ecken wurde ich mit Genius bekannt gemacht, der mich per Facebook eingeladen hat ihn in Inarura zu besuchen. Genius heißt wirklich so und ist 14 Jahre alt. Und ein ziemlich wiffer Kerl. Vor ein paar Jahren hat er zufällig mal einen Motorradreisenden getroffen, der dann bei seiner Familie übernachtet hat. Seither lädt er jeden Motorradfernreisenden ein der durch Inarura kommt… und zwar mit ziemlichem Nachdruck. ;) Also, warum ist Genius ein wiffer Kerl? Genius schreibt zum Beispiel Artikel für eine lokale Zeitung, dreht Videos/Interviews mit Reisenden für einen lokalen Fernsehsender, sammelt mit seinem Vater Sach- und Geldspenden für eine Bibliothek für arme Kinder, organisiert Benzin der dann illegal von Indien bis Kathmandu gebracht wird ohne dass er selbst den Benzin transportiert, weiß genau dass er Linienpilot werden will und was er alles machen muss um dorthin zu gelangen und noch viel mehr. Ich sag’s nochmal: Genius ist 14 Jahre alt!

Kurz nach meiner Ankunft bei Genius tauchte auch Kenny auf, der später aus Kathmandu losgefahren ist. Gemeinsam mit Genius Vater kochten wir ein Mittagessen und er führte Video-Interviews mit uns für seine Fernsehsendung. Auch von seinen Fragen war ich ziemlich beeindruckt, das waren nicht die üblichen Fragen sondern wohl überlegte, gut formulierte Fragen zu unseren Reisen. Auf seinem Tablet zeigte er uns auch Fotos von allen anderen Overlandern, die in den letzten Jahren in seinem Haus waren. Dieser Junge hat echt was drauf, das muss man einfach so sagen. 

Als Kenny und ich zurück auf die Hauptstraße rollten, steht zufällig genau an der Stelle Peter – wir sind alle drei unabhängig voneinander gestern aus Kathmandu aufgebrochen – und unterhält sich grad mit einem Bayern, der mit dem Fahrrad nach Nepal gefahren ist. Lustiger Zufall. Wir fahren also zu dritt weiter richtung Grenze, die Kenny heute noch erreichen muss, deshalb haben wir einen – vorsichtig formuliert – schwungvollen Fahrstil drauf. 

 

Der BP Highway führt mich durch wunderschöne, wilde Berglandschaften Nepals

  

Meine morgendlichen Besucher an meinem Zelt. Auf die Frage, ob die von ihnen erwähnten Schlangen im Wald hinter meinem Zelt gefährlich wären sagten sie nur: „King Cobra“. okeeeyyyy…

  

Tankstelle auf nepalesisch.

  

Back to India

Der Grenzübergang ganz im Osten Nepals ist einer der wenigen Übergänge, die noch offen sind. Alle wichtigen Grenzübergänge im Süden sind blockiert. Ich hab noch nie einen dermaßen überfüllten, stressigen, vollgestauten Grenzübergang gesehen. Einfach verrückt. Zahlreiche Frauen mit 40l-Kanistern am Rücken liefen über die Grenzbrücke zwischen all den LKWs, Autos, Rickshaws und Motorrädern. Chaos. Ansonsten war das Grenzprozedere ganz ok. Ich traf dort Peter wieder, denn wir alle drei hatten uns am Weg hierher in der wahnwitzigen Fahrt verloren. Peter musste mich dann schon im Dunkeln knapp hinter der Grenze gut zwei Kilometer weit abschleppen, weil meine Benzinkalkulation nicht vorhergesehen hat, dass ich noch in Nepal 20min wieder zurück fahre um Peter zu suchen. Ich hatte ihn lang nicht mehr im Rückspiegel gesehen und schon befürchtet es sei vielleicht was passiert. War natürlich nix, aber irgendwie haben wir uns dann verpasst, so dass wir uns erst an der Grenze wieder getroffen haben. 

Peter und ich beschlossen, die paar Tage bis Myanmar wieder gemeinsam zu fahren. Unser Zeitplan war relativ knapp, da wir schon am 4. Dezember an der Grenze zu Myanmar sein mussten um unsere Reisegruppe zu treffen. Da will man einfach nicht zu spät kommen, wenn eine 4-köpfige Tourorganisation und 11 andere Overlander auf einen warten. Wir hatten beide ein besseres Gefühl, zu zweit unterwegs zu sein um sich gegenseitig aushelfen zu können sollten die Motorräder Probleme machen…. oder wir.

Die lokale Bikergang

  

Darjeeling

Zuvor wollten wir aber beide unbedingt nach Darjeeling. Eine kleine, schöne Straße führt durch Teeplantagen immer weiter hinauf bis Darjeeling, einer kleinen Stadt im Nordosten Indiens. Die Stadt machte unmittelbar einen angenehmen, wenn auch etwas dreckigen Eindruck auf mich. Durch den starken buddhistischen Einfluss und die Himalayas im Hintergrund, machte Darjeeling einen gar nicht typisch indischen Eindruck auf mich… vielmehr fühlte ich mich mehr als wäre ich noch in Nepal.         

Nach einer langen Diskussion mit ordentlicher Pro-Contra-Liste entschieden wir uns das Risiko einzugehen und zwei Nächte in Darjeeling zu bleiben. Risiko deshalb, weil das gleichzeitig bedeutete dass wir nur vier Tage Zeit hatten die gut tausend Kilometer zur indisch-burmischen Grenze hinter uns zu bringen. Das klingt jetzt vielleicht nicht viel, aber wer schon mal in Indien ein Motorrad gelenkt hat versteht, dass das nicht ohne ist… vor allem da wir nichts über den Zustand der Straßen wussten, was uns fast noch zum Verhängnis wurde. Wir wussen all das, aber Darjeeling war die letzte Möglichkeit noch einen Tag Pause einzulegen. Als nächstes standen nämlich (inklusive der ersten Myanmar-Etappe) acht Fahrtage in Folge an.

An unserem „freien“ Tag, fuhr ich schon früh um 4:45 los, um den Sonnenaufgang am Tiger Hill zu sehen. Von dort hat man großartigen Gänsehaut-Blick auf den mächtigen Kanchenjunga, der mit 8586m der dritthöchste Berg der Erde ist. In der Ferne konnte man sogar ganz klein Mt Everest sehen. Leider ist der Tiger Hill aber auch ein ziemlich beliebter Punkt für den Sonnenaufgang, so dass man sich auf der Platform einen Platz zwischen all den indischen (und manchmal auch ausländischen) Touristen erkämpfen muss und diesen am besten nicht mehr verlässt. Trotzdem ein sehr schöner Start in den Morgen, auch wenn’s auf 1600m Seehöhe so früh am Morgen ganz schön frisch ist.

Buddhistisches Kloster in Darjeeling

  

Like a Sir.

  

In freudiger Erwartung des Sonnenaufgangs. Tiger Hill, Darjeeling

  

Darjeeling mit Kanchenjunga im Hintergrund.

 

Auf nach Myanmar!

Aufgrund unserem Pausetag mussten wir also die nächsten vier Tage richtig Gas geben. Mittagspause wurde mit Samosa und Bananen ersetzt, das geht schneller als Curry zu bestellen. Foto-Pausen wurden auf ein Minimum begrenzt. Früh starten und nicht vor Sonnenuntergang anhalten. Wir hatten uns drauf eingestellt, dass es hart wird, aber wir wussten auch es ist machbar.

Am zweiten Abend konnten wir keine Unterkunft in dem einzigen Ort weit und breit finden („full“, wtf?), also lud uns ein Inder ein bei ihm zu bleiben. Es folgte ein selten skurriler Abend, weil unser Host und seine Familie die seltsamsten Menschen waren, die mir auf der Reise begegnet sind. Wir waren trotzdem froh ein Dach überm Kopf zu haben und sind am nächsten Morgen wieder zeitig vor Sonnenaufgang losgefahren. In meinem Kopf hörte ich nur Macklemore singen: „This is fucking Assam!“

  

Irgendwo in den Hügeln Westbengals, Indien.

  

Nach Indus und Ganges fuhr ich auch noch über den Brahmaputra, den dritten der mächtigen Flüsse des indischen Subkontinents.

  

Der frühe Tormann fängt den Ball.

  

Surreal blauer Fluss in Manipur

 

Während wir an den ersten beiden Fahrtagen größtenteils gute Straßen hatten, hatten es die letzten beiden Tage fahrtechnisch so richtig in sich. Schon im Bundesstaat Assam wurden die Straßen immer schlechter, gleichzeitig hatten wir mit hohem Verkehsaufkommen zu kämpfen. In Manipur, dem östlichsten Bundesstaat änderte sich schlagartig alles. Manipur präsentierte sich uns als wunderschönes, hügeliges Dschungelgebiet, das zudem nur sehr dünn von Stämmen besiedelt ist. Die vereinzelten Bambushütten, der Dschungel, die Vegetation und die Gesichter der Menschen: Hier hatte ich zum ersten Mal das Gefühl in Südostasien angekommen zu sein. 

Manipur war lange Zeit für Ausländer tabu, weil es immer wieder Unruhen mit den dort ansässigen Stämmen gegeben hat und durch Manipur viele Drogen aus Myanmar kommen. Wir hatten aber eine großartige Zeit, größtenteils auf den schlechtesten Straßen die wir beide je gefahren sind. Felsiger Untergrund überzogen mit einer 20cm dicken Schicht Fesh-Fesh (auch Babypulver genannt, einfach unpackbar feiner, rutschiger Sand) machten das Vorankommen zu einer echten Herausforderung. 

Hier ein kleines Video dazu:


 

Das war nicht der einzige umgekippte LKW in den 4 Tagen. Aber der einzige ratlose Inder, der die Lösung in seinem Allerwertesten sucht.

  
  

Posing Peter.

  

Selbst 4x4s hatten es hier nicht leicht. (Hier wartete ich übrigens gerade auf Peter, der aber hinter der Kurve zu Boden gegangen ist)

 

Blechdachhütte, mit Militärbewachung

Am dritten Tag fuhren wir noch ca zwei Stunden im Dunkeln, da die Straßen grad ganz ok waren und es praktisch keinen Verkehr gab. Irgendwann stoppten wir in einem kleinen Ort bei einem Militärcheckpoint und fragten nach einem Guesthouse – wohl wissend, wie die Antwort ausfallen wird. Der freundliche Soldat sagte uns, wir könnten in 20km bei einer Brücke campen, dort gibt es ein Shelter. Wir beschlossen, mal ein bisschen Essen bei einem kleinen Shop zu kaufen und dann man abzuwarten was passiert. Tatsächlich sagte man und schon kurz darauf, dass wir vielleicht in einer kleinen Hütte am Straßenrand, die früher mal ein kleiner Greissler war, schlafen könnten. Der Besitzer kam vorbei und schloss die Hütte auf, jemand anderes brachte uns zwei Kübel Wasser um uns zu waschen und irgendwann saßen der Dorfvorsteher des Stammes (ein 30-jähriger, wortgewandter, freundlicher Typ), zwei, drei Soldaten und ein General bei uns in der kleinen Hütte während sich draußen um die Tür und die Bikes ein Halbkreis mit der restlichen Dorfbevölkerung gebildet hat. Dieser Abend wird mir immer in Erinnerung bleiben. Wir unterhielten uns gut mit den Soldaten, die uns ein bisschen einen Einblick in die Arbeitsweise der Drogenschmuggler gaben und mit dem Bürgermeister, der uns verwundert fragte warum in letzter Zeit immer wieder Motorradreisende hier durchfahren würden. Nachdem Myanmar erst seit etwa zwei Jahren mit dem eigenen Fahrzeug bereist werden kann, kamen vorher praktisch nie Ausländer in diese Gegend. Jetzt sehen sie alle paar Wochen mal Reisende hier durchkommen. 

In der Nacht gab es ein gewaltiges Gewitter, das sich wohl durch das Blechdach noch gewaltiger anhörte als es tatsächlich war. In meiner Schlaftrunkenheit machte ich mir große Sorgen über den Zustand der „Straßen“ nach so einem Gewitter und der Gewissheit dass wir morgen die letzten paar hundert Kilometer schaffen mussten… ohne Wenn und Aber. 

Am Morgen sah die Welt wieder anders aus – vor allem nach dem Chai, der uns von den Soldaten vorbeibracht wurde bevor sie schwerbewaffnet auf Patroulie gingen. Der Schlamm hielt sich glücklicherweise in Grenzen, dafür hatten wir klare Sicht auf die nebelverhangene, unberührten Hügellandschaft Manipurs.     

Peter hatte leider am letzen Tag im Fesh-Fesh noch einen kleinen Unfall, aber er und Olivia (seine Transalp) blieben glücklicherweise größtenteils unverletzt.

 

„Champion Charlie“, unser Checkpoint.

  

Einer unserer Bewacher. Oder: der größte Soldat Indiens.

  

Unsere kleine Hütte in Manipur.

  
 

Manipur.

   

Micro-Bananen.

  

Die Zwetschke, Heldin der Tour.

 

Geschafft!

Staubig, verschwitzt, seit drei Tagen ungeduscht und vollkommen erledigt kamen wir am 4.12. knapp nach Sonnenuntergang in Moreh an der Grenze zu Myanmar an. Was für ein Timing! Vor unserem vereinbarten Guesthouse versammelte sich gerade der Rest der Reisenden unserer Myanmar-Gruppe. Die Müdigkeit verflog, zumindest temporär, in der Aufregung endlich die anderen kennenzulernen. Wir waren bereits vorher per Email in Kontakt um einen Treffpunkt zu vereinbaren und neueste Infos auszutauschen. Kenny und Brennan und Laura kannte ich ja schon und war froh sie wiederzusehen und die anderen Overlander aus allen Ecken der Welt kennenzulernen. Wie sich herausgestellt hat, gibt es auch eine zweite Route zur Grenze die durch Nagaland und dann auf schönen, gut ausgebauten Straßen verläuft. Wir hatten diese Route nicht genommen, weil wir die Info hatten dass Nagaland für Ausländer nicht möglich ist. Naja, auch wenn die letzten Tage unglaublich hart waren, so bin ich doch sehr froh durch diese einsame, wunderschöne Gegend gefahren zu sein und solch wertvolle Momente – sowohl „on“ als auch „off the bike“ – erleben durfte. Übrigens sagte Kenny, der auch unsere Route genommen hatte und knapp vor uns ankam, dass diese Straßen härter als die weltberühmte Strecke Leh-Manali waren. Das erfüllt mich dann doch etwas mit Overlander-Stolz und macht ein bisschen wett, dass ich Leh-Manali winterbedingt auslassen musste.

Morgen geht’s also los: Myanmar, das geheimnisvolle Land das erst seit wenigen Jahren mit dem eigenen Fahrzeug bereist werden kann, wartet auf uns!! Aber vorher musste ich vor allem eines: schlafen. 

3 thoughts on “Der wilde Nordosten Indiens

  1. Martin, dein Bericht ist wiederr so spannend und aufregend zu lesen. Ich bekomm schon beim Lesen Ganslhaut, wie muss es für dich sein? Auf einem Foto sieht die Zwetschke sehr kultiviert und fast neu aus, auf einem anderen Foto dann das Gegenteil. Kein Wunder, beim ansehen des Videos meine ich fast, den Staub im Mund zu spüren……
    Ich freue mich, wenn du wieder daheim bist. Möchte dich gern mit österreichischem Essen und komfortablem Wohnen verwöhnen.
    Bis dahin wünsche ich dir noch eine herrliche Zeit. Geniesse Alles!!

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