Auf Du und Du mit Kathmandu

Höhenmeter für Höhenmeter und überholten Truck für Truck näherten die Zwetschke und ich uns in der Abendsonne der Hauptstadt Nepals: Kathmandu. Irgendwann mal war der Plan, auf dieser Reise bis hierhin und nicht weiter zu fahren. Nicht zuletzt deshalb hatte Kathmandu eine große Anziehungskraft auf mich, auch wenn ich üblicherweise Großstädte lieber meide. 

Der berühmt-berüchtigte Kathmandu-Verkehr war glücklicherweise nicht halb so schlimm wie erwartet – vielleicht der einzige Vorteil der Benzinkrise (siehe letzter Post). Ich quartierte mich im Sparkling Turtle Guesthouse ein, etwas außerhalb des Zentrums und weg vom Touri-Trubel. Die Koordinaten dafür hatte ich von Kenny, den ich in Pokhara getroffen habe. Ich freute mich ihn und Rosi, seine rote 1996er Transalp – also Zwetschke’s Schwester – im Hof des Guesthouses wiederzusehen.

In Kathmandu standen für mich hauptsächlich einige langweilige organisatorische Angelegenheiten am Programm. Ich wartete auf ein Paket mit Ersatzteilen aus Deutschland das ich noch in Indien bestellt hatte, musste mein Visum für Myanmar beantragen und ein paar andere Kleinigkeiten besorgen. 

Das DHL-Paket war natürlich noch nicht angekommen (mehr dazu später), also fuhr ich gleich am ersten Tag zur burmesischen Botschaft. Wie auch in Pokhara konnte ich es mir auch hier nicht erlauben unnötig den so raren Benzin in Zwetschke’s Zylindern zu verbrennen. Und so fand ich meine Liebe zu Kathmandus Stadtbussen. Mit Hilfe von Passanten und einer Karte lernte ich das Zauberwort „Sadtobato“. Dort musste ich hin, und da die meisten Busse weder eine Windschutzscheibe (eine Folge der Proteste) geschweige denn eine Linien-Beschriftung haben schreit man einfach dem Billeteur seinen Zielort zu – wenn man Glück hat darf man dann in den meist noch rollenden, überfüllten Bus hüpfen

Das Visum bekam ich glücklicherweise sehr umkompliziert und schnell. Bereits am nächsten Tag durfte ich mir meinen Pass mitsamt Visum wieder abholen. Jetzt muss ich es nur noch bis 4.12. zur Grenze Indien/Myanmar schaffen – übrigens mein einziger „Termin“ in fast 6 Monaten. 

Zurück nach Sadtobato, wo mich eine westliche Frau von der Botschaft zurück zur Hauptstraße spazieren sah und mich freundlicherweise ein Stück weit Richtung Patan, einer ehemals eigenständigen Stadt die heute eher ein Stadtteil Kathmandus ist, mitnahm. Dort entdeckte ich in einem Café ein Plakat für’s Film South Asia Filmfestival, das zufällig genau heute zufällig genau in Patan startete. Ich musste nicht lange überlegen: Wenn eine Reihe von Zufällen (Botschaftstour, angebotene Mitfahrgelegenheit und random Plakat in random Kaffeehaus) mich zu dem Festival einlädt, dann sollte ich dort auch hingehen

Musikvideodrehzusehen in Patan

Am Weg besuchte ich noch den Patan Durbar Square, also den Hauptplatz von Patan. Leider sind einige Tempel durch das verheerende Erdbeben im April zerstört worden. Der Platz hat trotzdem einen netten Charme, der von den 50 Tänzerinnen und Tänzern, die zwischen und auf den Tempeln ein Musikvideo drehten nur profitierte. Ein echtes Spektakel – vor allem auch weil so viele junge Tänzerinnen ein ziemlich großes Publikum anlockten. Na gut, vielleicht haben auch die Tänzer begetragen ;)

Film South Asia

Das Film South Asia erwies sich als echter Glücksfall. Gemütliches Ambiente in einem ruhigen Innenhof und kleineren Sälen, tolle Auswahl von Dokumentationen mit Südasien-Bezug, zum Teil mit anschließendem QA mit den Regisseuren und sehr freundliches Team. Ich sah einen Film über einen Workshop in Yangon, Myanmar in dem Leute jeden Alters Gebrauchsgegenstände wie Kübel und Sandalen aus alten LKW-Reifen herstellen. Bei uns würde man das wohl Upcycling nennen, aber da steckt viel Erfahrung und noch viel mehr Schweiß dahinter. Äußerst interessant, auch weil ich schon in wenigen Wochen in Myanmar sein werde.

Die folgenden Tage verbrachte ich hauptsächlich mit Auf-das-fucking-DHL-Paket-Warten. In der Zwischenzeit besuchten Kenny, die Engländerin Milli und ich nochmal das Filmfestival, wo wir uns drei weitere ausgezeichnete Dokus ansahen. Wir wussten allerdings nicht, dass in Kathmandu um 21 Uhr die Straßen leer (und sehr dunkel) sind. Das heißt natürlich auch: keine Busse mehr. Ein Taxi hätte uns nur zu Wucherpreisen (danke, Indien!) heimgebracht also beschlossen wir zu spazieren. Nach zwanzig Minuten (vom 2 bis 2einhalb Stunden-Weg) stoppten zwei junge Motorradfahrer, die uns anboten uns heimzubringen. Eigentlich sollten hier alle inneren Alarmglocken klingeln: zwei Fremde bieten dir mitten in der Nacht auf einer dunklen, leeren Straße an dich quer durch die Stadt zu deiner Unterkunft zu bringen. Immerhin hatten wir auch eine junge Frau dabei. Aber ich traue mich zu behaupten, dass ich auf dieser Reise meine Instinkte diesbezüglich etwas geschärft habe… außerdem sind wir in Nepal, nicht im Westen. Es folgte also eine ziemlich wahnwitzige Fahrt zu dritt (der Fahrer, Millie und ich) durch kleine Gassen, wir hängten das andere Motorrad (mit Kenny hinten drauf) ab und ich hatte schnell keine Ahnung mehr wo wir waren. Gurav, der nicht nur wie verrückt auf seinem Motorrad durch das nächtliche Kathmandu zischte sondern auch Profi-Fahrer für KTM ist, brachte uns aber sicher zum Guesthouse zurück. Auch Kenny und „sein“ Fahrer tauchten schließlich auf und wir unterhielten uns noch eine Weile mit den netten Jungs – aber nicht nur Milli war froh, heil angekommen zu sein

Ich nutzte das Warten auf das Immernochnichtda-Paket um die Touri-Gegend Thamel zu besuchen, ein paar Souvenirs zu kaufen, den wunderschönen Swayambhunath-Tempel am Hügel gleich neben dem Guesthouse zu besuchen, zu lesen, die weitere Reise zu planen, mich mit Peter und Kenny zu treffen, und den Haupttrack für Lisi’s Geburtstagsvideo am Dach des Guesthouses aufzunehmen. 

Das Haus das Verrückte macht

Eigentlich wollte ich hier die Geschichte erzählen, wie ich letztendlich doch noch mein lang ersehntes Paket bekommen habe. Aber wenn ich nur an die schier endlose Inkompetenz seitens DHL und an die nervenraubenden Bürokraten am Hauptpostamt in Kathmandu denke steigt mein Aggressionslevel bedenklich an. Deshalb halte ich mich lieber kurz. Ich hab mich gefühlt wie in Asterix‘ Haus das Verrückte macht. Die Grenzen meiner Geduld wurden weit überschritten, ich versuchte gar nicht mehr meine Wut zu verbergen. Nach einigen Stunden und einmal durch halb Kathmandu und zurück fahren hatte ich dann aber endlich mein Paket in meinen Händen, natürlich erst nachdem der Zoll noch ordentlich abkassiert hat.

Kathmandu Motorcycle Servicing Workshop

Am nächsten Tag konnten wir dann endlich damit beginnen, meine Lenkkopflager zu tauschen. Pushpa, der mit seinem Bruder Laxmi (und ihre Söhnen) die beste Motorradwerkstatt Kathmandus betreibt, verschob extra einen anderen Termin um die Zwetschke so schnell wie möglich wieder fit zu bekommen. Den ganzen Tag hatte ich also das Vergnügen, Pushpa und seinem Team zuzusehen und zum Teil mitzuarbeiten. Diese kleine, unscheinbare Werkstatt hat Legendenstatus, und das aus gutem Grund. Angeblich hat Pushpa früher für das Königshaus Motorräder repariert. Und unter Overlandern kursiert die Geschichte von einem Motorradreisenden dessen Bike in Zentralindien ein gröberes Problem hatte – daraufhin hat er sein Bike am LKW bis nach Kathmandu gebracht um es von Pushpa reparieren zu lassen. Wenn man diesen Leuten zusieht wundert man sich über diese Geschichten nicht mehr. Ich habe noch nie Mechaniker so gründlich, genau und vorsichtig arbeiten sehen. Eine echte Freude. 

Nach fast einem Tag Arbeit war die Zwetschke wieder auf Vordermann gebracht und sie fuhr sich wie ein neues Motorrad… naja gut, fast wie neu. Nachdem das nun erledigt war, konnte ich nach neun Nächten – das war der längste Aufenthalt auf der bisherigen Reise – Kathmandu am nächsten Tag verlassen. 

Auf geht’s zurück in den Süden Nepals und Richtung Indien!  

Und hier sind die Fotos:

 

Musikvideo-Dreh am Patan Durbar Square

  

Man sagt, in Kathmandu standen vor dem Erdbeben mehr Tempel als Häuser. Auch wenn’s vielleicht nicht stimmt, sehr viele sinds’s auf jeden Fall!

  

Der Choreograph und die Chef-Tänzerin

  

Maskenshop

  

Film South Asia

  

Downtown Kathmandu

  

Ein Tempel, der – absolut einsturzsicher – durch ein paar Bretter gestützt wird.

 
 

Swayambhu trägt seinen Zweitnamen nicht zu unrecht: „Monkeytemple“

  

Gebetsfahnen wohin man auch blickt. Monkeytemple, Kathmandu.

  

Buddha-Eyes

  

Kathmandu von oben

  

Was guckst du?

  
  

Gebetsmühlen

  

Swayambhunath. Und vieeele Tauben.

  

Kicken für die Götter

  

Bei Kathmandu Motorcycle Servicing Workshop


    

Laxmi, Pushpa und ihre Söhne nach getaner Arbeit. Danke für die gute Arbeit, liebes KMCS-Team!

 

7 thoughts on “Auf Du und Du mit Kathmandu

  1. Hallo Martin,

    Sehr cooler Bericht, danke dafür.
    Das was du alles erlebst ist schon richtig aufregend aber gleichzeitig sehr cool, bin schon etwas neidisch.
    Aber du schaust am Foto glücklich aus, das ist sehr gut!
    Ich hoffe du und Lisi hattet eine super gemeinsame Zeit und nun freuen wir uns alle schon wenn du wieder daheim bist.
    Wir wünschen dir noch ein paar schöne letzte Wochen und tu auf dich aufpassen!

    Bis ganz bald, liebe Grüße Katja und Markus

  2. Mein lieber Martin!
    Wieder so ein toller Bericht! Sehr aufregend und interessant zu lesen. Du sammelst so unglaublich viele Erfahrungen. Ich bin sicher, es wird dein Leben prägen.
    Danke dass du immer wieder alles aufschreibst und uns damit ein ganz klein bißerl an deiner Reise teilhaben lässt. Ich bin ja nun wirklich nicht die mutige Reisende, aber wenn ich deine Berichte lese, glustet es mich fast.
    Ich bin sehr froh, zu wissen, es geht dir gut und du hast ein schöne Zeit!
    Jetzt freue ich mich aber schon unendlich darauf, wenn du wieder daheim bist. Dich wieder zu sehen, dir bei deinen sicherlich vielen Erzählungen zuzuhören und dich einfach wieder in der Nähe zu wissen…………!!
    Bis dahin wünsche ich dir noch eine herrliche Zeit!
    Alles Liebe, Mum

  3. Super Bericht Martin, wie immer! Nur weiter so und noch viele schöne und beeindruckende Erlebnisse!!
    Cheers, Claudia

  4. Hallo, Martin,
    danke wieder einmal für deinen spannenden und unglaublich interessanten Bericht! Also, was du so alles erlebst – wir bewundern schon immer wieder deinen Mut und ich glaube, du hast ganz gute Antennen für Menschen, Gott sei Dank!
    Ich freu mich, daß Lisi und du eine gute gemeinsame Zeit hattet, aber jetzt freuen wir uns auch alle, wenn wir dich wieder persönlich sehen! Bis dahin wünschen wir dir, daß alles, was du noch an Plänen und Organisation vorhast, gut klappt und du wohlbehalten daheim wieder ankommst!!

    Herzliche Grüße von Fritz und Christiane

  5. Elisabeth Neuhofer

    Wunderbar, Martin! Was haben die auf der Post denn getan, denn wenn Du sagst die haben Deine Geduld überschritten, dann heißt das viel. In meinen Augen bist Du ein großer Geduldsmensch! Ich freue mich sehr über Deine Berichte!

  6. Liebe Leute! Danke für eure lieben Kommentare!! Freu mich immer drüber! Bis bald und liebe Grüße! -Martin

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